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Wer, von Siena kommend, die eindrucksvollen Ruinen des Zisterzienserklosters San Galgano hinter
sich hat und in Richtung Massa Marittima weiterfährt, kommt in eine waldreiche
Hügelregion, die auf den ersten Blick so gar nicht Italienisch aussieht. Es wundert einen
darum auch nicht, wenn man erfährt, dass dort viele der verstreuten Bauernhöfe von
Deutschen aufgekauft worden sind. Achim Freyer, Opernregisseur, Bühnengestalter und Maler,
ist nur einer der Künstler, die sich hierher zurückgezogen haben. Sein Nachbar ist
der Bildhauer, Klangskulpteur und Musiker Paul Fuchs, den wir besuchen wollen.
Wir haben das Auto abgestellt und gehen bergauf durch einen Steineichenwald, der an jeder Wegbiegung
mit einem skulpturalen Ereignis überrascht. Stahl, rostig rauh oder blitzend glatt, wirkt hier,
im lichten Laubwald, wie ein Stoff aus einer fremden Welt. Und entsprechend eigensinnig sind die
Formen aus Stahl, die der gewachsenen Natur mit exquisit artistischen Bewegungen antworten. Schlanke
Rohre steigen in sanften Schwüngen über die Baumkronen hinauf; dünne Eisenruten,
die sich in unverschämter Leichtigkeit kurvig emporschwingen, zeichnen surreal feine graphische
Linien in den Himmel, wiegen sich sanft in der Luft oder lassen auf ihren nadeldünnen Spitzen -
umgekehrte Mobiles - strichdünne Querstangen balancieren. Oben auf dem Hügel hebt ein
schlanker Mast eine im Wind rotierende, blitzende Krone aus Edelstahl ins Blau des Himmels hinauf.
Wir betreten eine große Lichtung mit malerisch verteilten Baumkronen, mit grasenden Pferden und mit
geduckten alten Steinhäusern, in denen sich Paul Fuchs wohnlich eingerichtet hat. Während
wir noch zwischen den locker verteilten Skulpturen umhergehen und den gestisch freien Bewegungen
der stählernen Linien auf ihrem individuellen Weg in den Himmel mit den Augen folgen, setzt
ein archaisches Klanggewitter ein. Paul Fuchs begrüßt seine Gäste mit einer Improvisation
auf dem wohl ausladendsten Musikgerät, das er je geschaffen hat - einer Art Lithophon. Dünne,
roh gespaltene Steinplatten unterschiedlicher Länge sind so auf Holzböcke gelegt, dass sie
beim Anschlagen prägnante Töne unterschiedlicher Höhe von sich geben. Die Klangzungen
sind nicht gestimmt; die Natur antwortet also mit einer Melodie von minimalen Zufallsschritten auf
die rhythmischen Vorgaben. Der Effekt ist gewaltig: Wo ein Xylophon zu artig zivilisiertem
Zuhören einlädt, entführt das panisch laute Lithophon den Hörer in ungezähmt
wilde Klangregionen. Der Musiker und Töneproduzent Fuchs, der mit seiner damaligen Partnerin
Limpe und mit Friedrich Gulda in Avantgardetagen musikalische Grenzgänge absolviert hat,
gesellt sich zum Bildhauer Fuchs, der mit biegsam mobilen, filigranen Stahlgebilden stumme Musik in
der dritten Dimension macht.
Eines der Häuser auf der Lichtung ist ganz für die Experimente mit klingendem Material
reserviert - eine Ton -Werkstatt im wörtlichsten Sinne. Hier wurden Lärm -, Geräusch -
und Musikinstrumente gefertigt, die sich fast aller bekannten Tonerzeugungsverfahren bedienen.
Ein urtümlich zum Kreis gezwungenes Blechrohr mit monströsem Mundstück lässt
unanständige Brülltöne und schräge Intervalle über die Lichtung fahren;
mit diesem Schreck-Horn kann man jeden Feind in die Flucht schlagen. Drinnen in der Tönekammer
sind die Instrumente so neben - und hintereinander aufgestellt, dass sie alle leicht zu bedienen
sind und vielfach sogar gleichzeitig gespielt werden können. Am meisten beeindrucken die
übermannshohen vierbeinigen Eisengestelle in deren Mitte je ein mit Gewicht stramm gezogener
dicker Metalldraht fast bis zum Boden herunterhängt. Ein lampenschirmartiges Gebilde -
eine ausgespannte Membran - schließt sich oben so um den Draht, dass Töne der vielfältigsten
Art entstehen, wenn die Stahlsaite mit einem Bogen in Vibration versetzt wird. Das unheimlich dunkle
metallische Dröhnen - es scheint aus der Urwelt herüberzuschallen - mischt sich mit reinen
Glockentönen, die hängenden Stahlstangen entlockt werden und minutenlang nachhallen.
Elektrisch betriebene Klopfinstrumente schieben mechanische Rhythmen darunter; dicke Eisenpfannen,
in denen schwere Kugeln satt tönend kreisen, beginnen sich zu heben und zu senken; die
Brettchen eines frei hängenden Xylophons warten auf den Schlagzeuger, der ihnen Töne entlockt.
Paul Fuchs geht wie ein Zaubermeister zwischen seinen Instrumenten hin und her. Er weiß, wie man die
Klanggeister erregt und wieder beruhigt. Er improvisiert an diesem Tag mit Hariolf Schlichtig, dem
Münchner Bratschen-Virtuosen und -Lehrer, der mit seinem edlen Instrument und mit dem wie ein
Florett geführten Bogen die aberwitzigsten Vierteltonfolgen, Mehrfachgriffe, Zupf - und
Scharrgeräusche erzeugt. Im überraschenden Mit - und Gegeneinander organisieren sich die
erzeugten Klänge zu einem mächtigen Tongemälde, das sich kontinuierlich wandelt.
Ein Idealfall für die Münchner Konzertserie "Festspiel +", denkt jeder, der den
beiden bei der Tonarbeit zusieht. Und tatsächlich haben "Festspiel +" und der
"Münchner Klaviersommer" Fuchs und Schlichtig mit ihrem prominenten Parner Achim
Freyer zu einer höchst ungewöhnlichen, genreübergreifenden Veranstaltung heute um
20 Uhr in der Allerheiligenhofkirche eingeladen. Die Klangskulpturen von Fuchs werden mit den
Bildwerken von Freyer korrespondieren. Schlichtig wird vor den Improvisationen Stücke von
Kurtág und Berio spielen. Und Freyer wird nicht nur als Maler zu erleben sein, sondern ausgiebig
auch als Literat und Musiker am Klavier.
Korrespondierend zeigt die Galerie Helmut Leger, Herzogstr. 41, Bildwerke von Paul Fuchs und Achim
Freyer - und morgen um 19 Uhr gibt Freyer dort die Performance "freyerredenüberkunst".
Gottfried Knapp
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