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Der Artikel:
A Blacksmith's Touch Makes Music Light.
von Matthew Gurewitsch

über Paul Fuchs erschien in der NewYorkTimes vom 8.5.2011

Wer, von Siena kommend, die eindrucksvollen Ruinen des Zisterzienserklosters San Galgano hinter sich hat und in Richtung Massa Marittima weiterfährt, kommt in eine waldreiche Hügelregion, die auf den ersten Blick so gar nicht Italienisch aussieht. Es wundert einen darum auch nicht, wenn man erfährt, dass dort viele der verstreuten Bauernhöfe von Deutschen aufgekauft worden sind. Achim Freyer, Opernregisseur, Bühnengestalter und Maler, ist nur einer der Künstler, die sich hierher zurückgezogen haben. Sein Nachbar ist der Bildhauer, Klangskulpteur und Musiker Paul Fuchs, den wir besuchen wollen.

Wir haben das Auto abgestellt und gehen bergauf durch einen Steineichenwald, der an jeder Wegbiegung mit einem skulpturalen Ereignis überrascht. Stahl, rostig rauh oder blitzend glatt, wirkt hier, im lichten Laubwald, wie ein Stoff aus einer fremden Welt. Und entsprechend eigensinnig sind die Formen aus Stahl, die der gewachsenen Natur mit exquisit artistischen Bewegungen antworten. Schlanke Rohre steigen in sanften Schwüngen über die Baumkronen hinauf; dünne Eisenruten, die sich in unverschämter Leichtigkeit kurvig emporschwingen, zeichnen surreal feine graphische Linien in den Himmel, wiegen sich sanft in der Luft oder lassen auf ihren nadeldünnen Spitzen - umgekehrte Mobiles - strichdünne Querstangen balancieren. Oben auf dem Hügel hebt ein schlanker Mast eine im Wind rotierende, blitzende Krone aus Edelstahl ins Blau des Himmels hinauf.

Wir betreten eine große Lichtung mit malerisch verteilten Baumkronen, mit grasenden Pferden und mit geduckten alten Steinhäusern, in denen sich Paul Fuchs wohnlich eingerichtet hat. Während wir noch zwischen den locker verteilten Skulpturen umhergehen und den gestisch freien Bewegungen der stählernen Linien auf ihrem individuellen Weg in den Himmel mit den Augen folgen, setzt ein archaisches Klanggewitter ein. Paul Fuchs begrüßt seine Gäste mit einer Improvisation auf dem wohl ausladendsten Musikgerät, das er je geschaffen hat - einer Art Lithophon. Dünne, roh gespaltene Steinplatten unterschiedlicher Länge sind so auf Holzböcke gelegt, dass sie beim Anschlagen prägnante Töne unterschiedlicher Höhe von sich geben. Die Klangzungen sind nicht gestimmt; die Natur antwortet also mit einer Melodie von minimalen Zufallsschritten auf die rhythmischen Vorgaben. Der Effekt ist gewaltig: Wo ein Xylophon zu artig zivilisiertem Zuhören einlädt, entführt das panisch laute Lithophon den Hörer in ungezähmt wilde Klangregionen. Der Musiker und Töneproduzent Fuchs, der mit seiner damaligen Partnerin Limpe und mit Friedrich Gulda in Avantgardetagen musikalische Grenzgänge absolviert hat, gesellt sich zum Bildhauer Fuchs, der mit biegsam mobilen, filigranen Stahlgebilden stumme Musik in der dritten Dimension macht.

Eines der Häuser auf der Lichtung ist ganz für die Experimente mit klingendem Material reserviert - eine Ton -Werkstatt im wörtlichsten Sinne. Hier wurden Lärm -, Geräusch - und Musikinstrumente gefertigt, die sich fast aller bekannten Tonerzeugungsverfahren bedienen. Ein urtümlich zum Kreis gezwungenes Blechrohr mit monströsem Mundstück lässt unanständige Brülltöne und schräge Intervalle über die Lichtung fahren; mit diesem Schreck-Horn kann man jeden Feind in die Flucht schlagen. Drinnen in der Tönekammer sind die Instrumente so neben - und hintereinander aufgestellt, dass sie alle leicht zu bedienen sind und vielfach sogar gleichzeitig gespielt werden können. Am meisten beeindrucken die übermannshohen vierbeinigen Eisengestelle in deren Mitte je ein mit Gewicht stramm gezogener dicker Metalldraht fast bis zum Boden herunterhängt. Ein lampenschirmartiges Gebilde - eine ausgespannte Membran - schließt sich oben so um den Draht, dass Töne der vielfältigsten Art entstehen, wenn die Stahlsaite mit einem Bogen in Vibration versetzt wird. Das unheimlich dunkle metallische Dröhnen - es scheint aus der Urwelt herüberzuschallen - mischt sich mit reinen Glockentönen, die hängenden Stahlstangen entlockt werden und minutenlang nachhallen. Elektrisch betriebene Klopfinstrumente schieben mechanische Rhythmen darunter; dicke Eisenpfannen, in denen schwere Kugeln satt tönend kreisen, beginnen sich zu heben und zu senken; die Brettchen eines frei hängenden Xylophons warten auf den Schlagzeuger, der ihnen Töne entlockt.

Paul Fuchs geht wie ein Zaubermeister zwischen seinen Instrumenten hin und her. Er weiß, wie man die Klanggeister erregt und wieder beruhigt. Er improvisiert an diesem Tag mit Hariolf Schlichtig, dem Münchner Bratschen-Virtuosen und -Lehrer, der mit seinem edlen Instrument und mit dem wie ein Florett geführten Bogen die aberwitzigsten Vierteltonfolgen, Mehrfachgriffe, Zupf - und Scharrgeräusche erzeugt. Im überraschenden Mit - und Gegeneinander organisieren sich die erzeugten Klänge zu einem mächtigen Tongemälde, das sich kontinuierlich wandelt.

Ein Idealfall für die Münchner Konzertserie "Festspiel +", denkt jeder, der den beiden bei der Tonarbeit zusieht. Und tatsächlich haben "Festspiel +" und der "Münchner Klaviersommer" Fuchs und Schlichtig mit ihrem prominenten Parner Achim Freyer zu einer höchst ungewöhnlichen, genreübergreifenden Veranstaltung heute um 20 Uhr in der Allerheiligenhofkirche eingeladen. Die Klangskulpturen von Fuchs werden mit den Bildwerken von Freyer korrespondieren. Schlichtig wird vor den Improvisationen Stücke von Kurtág und Berio spielen. Und Freyer wird nicht nur als Maler zu erleben sein, sondern ausgiebig auch als Literat und Musiker am Klavier.

Korrespondierend zeigt die Galerie Helmut Leger, Herzogstr. 41, Bildwerke von Paul Fuchs und Achim Freyer - und morgen um 19 Uhr gibt Freyer dort die Performance "freyerredenüberkunst".

Gottfried Knapp